Die Räuber im Odenwald und Umgebung
Der legendäre Räuberhauptmann Schinderhannes alias
Johannes Bückler hat sich oft in Südhessen aufgehalten.
Wenn er nach Diebstählen, Erpressungen und
Überfällen aus dem Hunsrück, im Naheland und
Pfälzer Bergland über den Rhein auf das
rechtsrheinische Gebiet türmte, diente häufig vor allem
das kleine Dorf Semd, das heute ein Teil von Groß-Umstadt
ist, als Zufluchtsort.
In Semd wohnte der berühmteste deutsche Räuber nicht
nur in Gasthäusern, sondern fand dort auch in verschiedenen
Privathäusern einen Unterschlupf und pflegte mehrfach seine
Beziehungen zu den Räubern im Odenwald, Spessart und in der
Wetterau. Unter anderem traf der Schinderhannes in Semd einen der
Hauptanführer der so genannten "Niederländer Bande"
bzw. "Neuwieder Bande", Jakob Mayer, der den Spitznamen
"Müller-Daumen", weil ihm am linken Daumen der Fingernagel
fehlte. Mit ihm beging der Schinderhannes Überfälle in
Baiertail (heute Wiesloch) bei Heidelberg und Würges bei Bad
Camberg im Taunus.
Über die guten Kontakte, die der Schinderhannes in Semd zu
anderen Banden pflegte, kam es dazu, dass sich im Frühjahr
1802 der später bekannte gewordene Odenwald-Räuber
Johann Adam Heuser ("Dicker Adam") bereit erklärte mit ihm
über den Rhein zu gehen. Innerhalb von zwei Wochen traute
sich der Hannes wegen der Gendarmen jedoch kein einziges Mal,
einen Überfall durchzuführen und Heusner sprach nach
dieser Zeit meistens etwas abfällig über den
Hunsrück-Räuber.
Anfang Mai 1802 logierte der Schinderhannes im Gasthof zum Engel
in Semd. Damals kam es vermutlich in diesem Gasthof zu einer
wüsten Schlägerei mit dem Räuber Johann Adam
Heusner, der vom Hannes brutal verprügelt wurde. In jenem
Gasthof traf er sich vermutlich mit seiner Geliebten Julia
Bläsius., gelegentlich verkaufte der Schinderhannes auch in
Semd gestohlene Pferde.
Aber nicht der Schinderhannes war es: Die wirklichen
Odenwälder Räuberhauptmänner hießen um 1800
Johann Adam Grasmann und Johann Adam Heusner. Die
Heimatforscherin und Autorin Ella Gieg hat jetzt ihre
zusammengefassten Erkenntnisse auf Einladung des Höchster
Vereins für Heimatgeschichte im Bürgerhaus vorgetragen.
Die gut besuchte Veranstaltung zeugte vom Interesse, das die
Odenwälder Räubergeschichten noch heute wecken:
„Es war die Armut, die pure Not, die die Menschen damals
dazu trieb", erklärt Gieg die harten Verhältnisse im
damaligen Odenwald. Mit dem Diebstahl aus Hunger habe es
begonnen. Das Gebiet der Räuber erstreckte sich bis weit
über den Odenwald hinaus: Beutezüge führten sie
bis nach Mainz, Fulda, Würzburg und Heidelberg. Die Gesellen
bildeten keine festen Banden, sondern trafen sich mehr oder
weniger spontan zum meist nächtlichen Geschäft.
Angeführt wird die Liste der Räuber im Odenwald vom
„Langen Samel", dem 1765 in der Bruchmühle
(außerhalb Etzen-Gesäß in Richtung Bad
König) geborenen Johann Adam Grasmann, und dessen Neffen,
dem „Roten Hann-Adam", der 1779 als Johann Adam Heusner in
Mümling-Grumbach geboren wurde. „Roten Haaren", betont
die Forscherin, „sagte man damals nichts Gutes nach."
Grasmann, zuvor Hirte und Korbmacher, war während seiner
Räuberzeit mit einem Bauchladen unterwegs. Nach dem
frühen Tod seiner Frau hatte er bis zu seinem Ende ein
Verhältnis mit einer Elisabeth Müller. Heusner, ebenso
Korbmacher, aber auch Tagelöhner und Zapfensammler, soll um
1800 mit Grasmann seine erste Straftat begangen haben.
Laut Taufurkunden hatte Heusner einen Sohn, der vermutlich
früh starb, und eine Tochter, die später,
elfjährig, nach Heusners Hinrichtung vom Darmstädter
Richter C. F. Brill aufgenommen worden sei. Die Unterlagen jenes
Richters und dessen Heidelberger Amtskollegen Ludwig Pfister
dienten Ella Gieg als Hauptquellen für ihre Recherche. Um
die beiden „Haupträuber", wie Gieg sie bezeichnet,
scharte sich eine ganze Horde weiterer Krimineller. Die
Spitznamen jener Gesellen („Bürsten-Caspar",
„dicker Bub") lassen erahnen, dass sie aus ärmlichen
Verhältnissen stammten und oft körperlich gehandicapt
waren.
Einer der schwersten Überfälle, der jener Rotte
zugerechnet wird, ist der Raubüberfall im Rimhorner
Pfarrhaus am 15. August 1803. Die Vermutung der Schinderhannes
sei hier am Werk gewesen, sei widerlegt, so Gieg.
„Wissentlich gemordet haben die Räuber nie," betont
die Forscherin, dennoch seien sie nicht zimperlich gewesen. Der
misshandelte Pfarrer starb fünf Jahre später an den
Folgen seiner Verletzungen. „Meistens wurden die
Überfälle in Dörfern verübt, in denen sich
einer der Räuber gut auskannte", bemerkt Gieg. In Rimhorn
sei es Heusner gewesen, der dort zuvor gewohnt hatte.
Das Diebesgut bestand oft nur aus Lebensmitteln, Branntwein,
Geschirr oder Textilien, aber auch Schafe, Waffen und andere
Wertgegenstände gestohlen. Allerdings, so Gieg, seien der
Lange Samel und der Rote Hann-Adam keine Robin Hoods gewesen:
„Die romantische Annahme, Arme würden für Arme
stehlen, ist hier falsch." Im Gegenteil seien oft arme Menschen
die Opfer der Räuber geworden. Aus den Unterlagen der
Richter sei zu erkennen, dass die beiden 41 Straftaten gemeinsam
begangen haben sollen; 93 habe Grasmann, und 80 Heusner
zusätzlich mit anderen begangen. Insgesamt also ein Register
von 214 Delikten. Unterschlupf fanden die Räuber in der
„Freiheit" bei Laudenau, heute ein Hotel, wo sich drei
Grenzgebiete treffen. In jedem der Gebiete herrschte eine andere
Polizeigewalt, was den Räubern zu Gute kam. Aufgrund ihrer
Ortskenntnis konnten sie fern der Wege in kurzer Zeit unentdeckt
auch große Entfernungen zu Fuß überwinden.
Seinen letzten Überfall machte Grasmann am 9. März 1810
in Fränkisch-Crumbach. Nachdem er dort von einer Verletzung
Heusners hörte, kehrte er in seinen Unterschlupf nach
Albersbach zurück, wo ihn Elisabeth Müller erwartete.
Drei Tage später wurde das Paar fast zeitgleich mit Heusner
verhaftet und ins Darmstädter Stockhaus gebracht. Am 5.
November 1814 wurden der 35 Jahre alte Heusner und der
49-jährige Grasmann zusammen mit einigen ihrer
Spießgesellen in Darmstadt enthauptet.
Dem Schinderhannes sei Heusner nur einmal begegnet, was in einer
Prügelei endete. Der Rote Hann-Adam hatte keine gute Meinung
von ihm: Der Schinderhannes sei ein großer Feigling
gewesen. Heusner selbst wird vom Darmstädter Richter Brill
als geständiger und sehr intelligenter Mann charakterisiert,
man könne sich nur wundern, wieso er eine solche Laufbahn
eingeschlagen habe. Insgesamt wurden zwischen 1803 und 1814 in
der südhessischen Region 38 Menschen wegen Diebstahls,
zumeist aus Hunger und Not, hingerichtet.
Nach dem Vorbild des Schinderhannes haben sich im Odenwald
aber auch andere Räuberbanden gebildet. Im Wald zwischen
Billings und Nonrod, in der Nähe des "spitzen Steins" hatte
sich eine Bande eine Höhle als Unterkunft ausgebaut und sich
häuslich eingerichtet. Selbst der Ofen fehlte nicht. Von
hier aus unternahmen die Räuber ihre Streifzüge in die
nähere und weitere Umgebung.
Am 27.4.1802 wurden z.B. Pfarrhaus und Kirche in Neunkirchen
geplündert. Dabei wurden der Pfarrer, seine Frau und deren
beiden Schwestern schwer misshandelt. Die Räuber hatten die
Kirchentür besetzt und die Glockenstränge
abgeschnitten, damit nicht "Sturm geläutet" werden konnte.
Allen Leuten, die zu Hilfe kommen wollten, wurde mit Totschlag
gedroht. Nachdem die Banditen ihre Beute (Geld, Schmuck, den
goldenen Kelch in der Kirche und andere Wertgegenstände) in
Sicherheit hatten, zogen sie wieder ab.
Als sie eines Tages die Bewohner des Schlosses Lichtenberg
(Beamte des damaligen Landgerichts) heimsuchten, und dort die
Wäsche stahlen, ging man ihnen zu Leibe. Auf Ersuchen der
Herrn des Gerichts wurde aus Darmstadt ein Trupp Soldaten in das
Fischbachtal beordert, der das Diebesnest ausfindig machte und
ausräucherte. Die Mitglieder der Bande, denen man Morde
nachweisen könnte, wurden in Darmstadt enthauptet, die
übrigen erhielten längere Freiheitsstrafen.
Natürlich wird Lützelbach immer wieder einmal
erwähnt, sei es in Gerichtsprotokollen des Amtsmanns von
Lichtenberg oder im Zusammenhang mit der Räuberbande des
"Hölzerlips", zu der auch zeitweise Georg Tascher, Jakob
Erbeldinger etc. aus der Umgegend von Lützelbach gehört
hatten und Unterschlupf in einer Höhle suchte. Die
Höhle wird heute noch im Volksmund nach dem
Bandenführer Latz "der Latzekeller" genannt. Später ist
sie beseitigt und zugeschüttet worden.
Der Hölzerlips und seine Kumpanen hatten im Jahre 1810/1811
mit ihren Familien am Katzenbuckel ein Winterquartier gefunden.
In den Dörfern um Waldbrunn, Katzenbach, Strümpfelbrunn
und Mülben wurden sie geduldet und man hat ihnen
Schlafplätze gegeben oder Scheunen überlassen. Auch in
den Dörfern rund um den Winterhauch hatte Hölzerlipps
seine Zufluchtsorte. Das Felsenhaus bei Mülben ist heute
noch als Ruine im Wald zu finden.
Auch «Schinderhannes» selbst soll zeitweise in der Höhle gehaust haben. Er soll sogar in der Nähe 400 Gulden vergraben habe - gefunden wurden sie aber nie.
Der Raum Mülben, Höllgrund, Reisenbacher Grund und Galmbach war eines dieser Schlupfwinkelgebiete, in dem auch das aufgesuchte imposante Felsenhaus liegt. Die oberirdische Höhle aus Sandsteinquader ist inzwischen eingefallen (oder zerstört). Von hier aus starteten sechs Bandenmitglieder unter Hölzerlips am 28. April 1811 zu einem Raubüberfall an die Bergstraße.
Das Reichelsheimer Dorf Laudenau war seit altersher
dreigeteilt: Laudenau das Dorf, Laudenau unter den Bäumen,
und Laudenau / Freiheit. Diese drei Teile standen zu
früherer Zeit auch unter verschiedenen Lehnherren und waren
sogar verschiedenen Pfarreien zugeteilt. Die Grenzen der drei
Zehnten trafen unweit der heutigen Freiheit zusammen, es ergab
sich ein "Niemandsland", worauf keine unmittelbare
Gerichtsbarkeit Zugriff hatte ( außer vielleicht dem
Kaiser, denn der hätte so etwas nicht geduldet). Es
heißt, wer sich etwas zuschulden kommen ließ, und es
schaffte, auf dieses Areal - das wohl von hohen Hecken umstanden
gewesen sein mußte - zu kommen, der hatte 48 Stunden
Asylrecht und konnte Schutz und Hilfe suchen. Daß sich
dieses auch einige Räuber und Taugenichtse zunutze machten,
liegt auf der Hand. Um die Jahre 1802 bis 1810 konnte man die
Freiheit als Hauptquartier der Odenwälder Räuberbanden
bezeichnen. Der bekannteste dieser Räuber war Johann Adam
Heusner mit seine Kumpanen Johann Adam Grasmann,genannt "der
Große Samuel", Georg Tascher und Jakob Erbeldinger.
Weiter südlich, im Badischen gab es noch die sogenannte
Hölzerlipsbande, die ihr Unwesen aber auch bis in unsere
Gegend ausdehnte und die Freiheit bestens kannte. Bis die Bande
1814 zum Tode durch das Schwert verurteilt war, verübten sie
über 130 Delikte, darunter 43 Überfälle. Die
Delikte bestanden meistens im Einstoßen eines Hausgefachs
und dem Ausrauben der Speisekammer und etwaiger
Wertgegenstände. Stellte sich ihnen jemand in den Weg, bekam
er meistens arge Schläge. Beliebtes Ziel der Ganoven waren
Mühlen, Bauernhöfe und fahrende Händler. Nach
solchen Raubzügen, die oft mehrere Tage dauerten, traf man
sich in der Freiheit. Dort wurde das Diebesgut in der Weise
verteilt, daß die Tochter des Hauses sich auf einen Stuhl
stellte und den jeweiligen Empfänger der Stücke
ausrief. Die damaligen Wirtsleute hatten ihren Vorteil darin,
daß die Halunken sich nach einem erfolgreichen Beutezug
äußerst freigiebig zeigten und ausgiebige Gelage
feierten.
Die Hinrichtung einer Räuberbande zu Darmstadt im Jahre 1814
Die Steckbriefe der Räuber wurden im ganzen Lande verteilt, die fünf Räuber und andere Komplicen schließlich gefangengenommen und in das Stockhaus zu Darmstadt gebracht. Das Stockhaus war das Gefängnis. Es befand sich im "Runden Turm", der in der heutigen Rundeturm-Straße stand. Damals hieß die Straße "Runde-Turm-Gasse". Der Runde Turm gehörte als Befestigungswerk zur Stadtmauer und war schon sehr alt. Im Jahre 1481 wurde er als der "Hohe Turm" bezeichnet und man darf wohl annehmen, daß er damals der höchste war. Sein Durchmesser betrug neun Meter. Lange Zeit diente er als Gefängnis. In seinem Erdgeschoß hatte er ein Verließ ohne Fenster. Im Jahre 1721 wurde er durch den Anbau des Stockhauses erweitert. Das Stockhaus enthielt im Erdgeschoß die Wohnung des Wärters und darüber sieben Zellen. Für zwei Zellen war jeweils ein Ofen vorhanden. Jede Zelle enthielt eine Nische mit einem Abort. Vom Stockhaus aus konnte man in die zwei über dem Verließ liegenden Zellen gehen. Inhaftierte wurden damals allgemein in "Ketten und Banden" gesetzt. Ober die hygienischen Verhältnisse in diesem Gefängnis können wir uns heute unschwer eine Vorstellung machen. Etwa zwanzig Jahre zuvor war ein Räuber eingeliefert worden und mit ihm zwei weitere Täter. Das Trio hatte bei Eberstadt einen Postwagen überfallen. Die Täter Gundermann und Gansert wurden später im Wald zwischen Eberstadt und Bickenbach gehängt. Zur Hinrichtung des dritten Täters kam es gar nicht. Johannes Tobias Kiefer, genannt "Kazof", weil er Metzger war, wurde im Darmstädter Stockhaus buchstäblich von Läusen getötet. Im ärztlichen Befund hieß es, "der ganze Körper war von Läusen über und über voll. Die Läuse hatten das linke Auge gänzlich ausgefressen, die Orbita (Augenhöhle) war ganz leer, auch das rechte Auge gänzlich ausgefressen, auf dem Kopf, Rücken und Füßen befanden sich an vielen Orten kleine Wunden, welche teils gekratzt, teils vom Ungeziefer gefressen gewesen." Einen Tag später wurde der "Kadaver" in einem Gebund Stroh auf dem Schindskarren unter Läutung des Armesünderglöckchens aus der Stadt gefahren und unter dem Pfungstädter Galgen in einem tiefen Loch verscharrt.
Das Verhör
Heusner saß als erster ein. Er verriet Erbeldinger, worauf
dieser zur "Spezial-Inquisition" eingeliefert wurde. Wir
müssen darunter die damals noch übliche Folter
verstehen. Als Grasmann eingeliefert wurde, leugnete er
standhaft. Schließlich wurde er seinem Paten Heusner
gegenübergestellt, stritt aber jedwede Bekanntschaft ab.
Endlich sprach Heusner: "Petter! Wisst ihr, wo wir halten? Wir
zackern (pflügen) an der letzten Furche!" Da fiel Grasmann
halb ohnmächtig an die Wand und versprach, ebenfalls
aufrichtig zu bekennen. Heusner selbst gestand zu Ende seines
Verhörs: "Wenn man mich noch fünf Jahre ins Verhör
nimmt, so kann ich am Ende dieser Zeit doch nicht behaupten, dass
ich alles angegeben habe, denn an Kleinigkeiten kann ich mich
unmöglich so genau erinnern."
In dem Verhandlungsbericht hieß es weiter: "rascher
leugnete alle Teilnahme an den Verbrechen mit ungemeiner
Frechheit und Halsstarrigkeit solange ab, bis er ganz
überwiesen war." Auch Rupprecht leugnete zunächst
standhaft. Just zu jener Zeit war seine Geliebte, das Gretchen
eingeliefert worden. --- "Eifersucht gegen seine
Beischläferin, von der er wahrscheinlich wahrgenommen zu
haben glaubte, dass sie mit anderen Gefangenen verliebte
Gespräche führte, war der Beweg- grund zu seinem
Geständnis.
Weiter hieß es: Rupprecht reichte Peinlichem Richter
(heute: Staatsanwalt die Hand und gab ihm das Versprechen, dass
er das, was ihm zur Last falle, offen gestehen wolle, wenn man
ihn in den folgenden Tagen ins Verhör nehme. Man ver- sprach
ihm dies und sein voriges mürrisches und
zurückhaltendes Betragen änderte sich nun
plötzlich; er bat, dass ihm Peinlicher Richter ein paar
Groschen zu einem Schnaps schenken möge, das erstemal, dass
er ein Anliegen vorbrachte. Man reichte ihm das Verlangte und
erhielt dadurch, sowie in der Folge durch bewiesene kleine
Gefälligkeiten, sein volles Zutrauen, das gehörigst
benutzt, auch bei dem hartnäckigsten Verbrecher der
sicherste Weg ist, ein offenes Bekenntnis zu erhalten.
Die schwache Seite Rupprechts ist ausnehmende Eitelkeit in seinem
Anzuge. Da den Charakter eines Verbrechers zu kennen, nicht
unnütz segn kann; So sei es mir erlaubt, hiervon ein
Beispiel zu geben: Rupprecht hatte eine Jacke nötig. Er bat
Peinlichen Richter, dass er ihm solche anmessen lassen möge,
und bestellte sich hierbei besonders, dasselbige fein passend auf
die Hüften und mit kleinen Falten in den Schössen
gemacht werden möge: man gewährte ihm dies, und mit
sichtbarer Selbstgefälligkeit betrachtete er sich, als er
das erst mal solch anhabend in das Verhör kam."
Der Prozess
Außer den bereits erwähnten Räubern Grasmann,
Heusner. Erbeldinger, Rupprecht, Tascher. Kinzinger und Wehner
war auch noch Johannes Lehn angeklagt, in Räuberkreisen
"Spiel- Hannes" oder auch "Musikanten-Hannes" genannt.
Ein Prozess in heutigem Sinne gab es nicht. Die Gefangenen wurden
langen Verhören und auch der Folter unterzogen und die teils
umfassenden Geständnisse zur Grundlage des Urteils genommen.
Einzige Nachrichtenverbindung in Zeit war die Postkutsche. Durch
Gegenüberstellungen versuchte man. oft mit gutem Erfolg.
Geständnisse zu erlangen. So kam es, dass die Delinquenten
teils lange in Haft saßen. Grasmann und Heusner saßen
seit März 1810. Rupprecht seit Dezember des gleichen Jahres
im Stockhaus. Also volle vier Jahre! Wir wissen nicht, ob sie
während dieser ganzen Zeit in "Ketten und Banden gesetzt",
also an Händen und Füßen gefesselt waren wie
jener Tobias Kiefer, der dreißig Jahre zuvor so kurz in
Ketten gehalten worden war, dass er sich nicht einmal mit den
Fingern der Läuse erwehren konnte.
Das Urteil des Großherzoglichen Hofgerichtes wurde am 20.
Juni 1814 in Abwesenheit der Angeklagten bekannt gegeben.
Kinzinger, Lehn und Lehner wurden zu langen Kerkerstrafen
verurteilt; die anderen fünf Räuber zum Tode.
Fünf Tage später erst wurden den Inquisiten das Urteil
bekannt gegeben. "Nachdem ihnen vorher ihre Verbrechen
vorgehalten und ihnen gezeigt worden war, dass jeder von ihnen
mehrere Verbrechen begangen habe, auf deren einzelne die Gesetze
die Todesstrafe verordneten", wurden ihnen die Urteile
verlesen.
Heusner wurde zum Tode durch den Strang verurteilt, Grasmann,
Rupprecht, Erbeldinger und Tascher zum Tode durch das Schwert "
mit der Schärfung, dass deren Köpfe demnächst auf
Pfähle zu stecken seien und zugleich angeordnet, dass die
Hinrichtung in der umgewandten Reihe, wie sie aufgeführt,
gestehen solle."
Grasmann, Rupprecht, Erbeldinger und Tascher erklärten, dass
sie die Todesstrafe nicht verdient hätten und verlangten
Revision, auf deren Möglichkeit sie vorher aufmerksam
gemacht worden waren. Heusner erklärte: "Ich sehe ein, dass
ich nach meinen Verbrechen den Tod leiden muss. Ich bitte, dass
mir die Gnade gewährt wird, dass ich nicht durch den Strang,
sondern durch das Schwert hin gerichtet werde." Nach dem
damaligen Gesetz blieben zehn Zeit, die Revision zu beantragen.
Auch Heusners Verteidiger beantragte sie, vor allem im Hinblick
auf die Abänderung der Todesart.
Die Revisionsverhandlungen zogen sich vier Monate hin.
Während dieser Zeit nahm sich die Kirche der Sünder an.
Herr Kirchenrat Haßlacher "betreute zuweilen die vier
katholischen Räuber. Mit sichtbarem Erfolg wusste der Herr
Kirchenrat Haßlacher durch sein echt christliches Benehmen
und durch seine Wohltaten, sich das volle Zutrauen der zum Tode
Verurteilten zu erwerben, und sie in den Stunden, in welchen sie
der Gedanke an ihre Übeltaten und die sie erwartende Strafe
ängstigte, was besonders bei Heusner häufig der Fall
war, aufzurichten." Als Tascher von den Besuchen des Kirchenrates
bei seinen Kameraden erfuhr, erbat er, "dass ihn auch ein
Geistlicher besuchen dürfe."
Die letzten drei Tage
Die fünf Räuber erfuhren das Urteil vorerst jedoch
nicht. Am Mittwoch, den 2. November, wurden sie vom Stockhaus auf
das Rathaus gebracht und ihnen im großen Saal "ihre
definitive Verurteilung zum Tode im Allgemeinen bekannt gemacht,
ihnen angekündigt, dass ihre letzte Stunde samstags den 5ten
November schlage, sie ermahnt, diese kurze Zeit dazu zu
verwenden, die allenfalls von ihnen noch nicht einbekannten
Verbrechen noch anzugeben und sich als reuige Sünder Gott
zuzuwenden, und ihn um Vergebung ihrer vielfältigen
Übeltaten anzuflehen. Zugleich wurden sie aufgefordert, dass
wenn einer oder der andere in Beziehung auf seine Familie etwas
zu bitten habe, es vorbringen solle.
Heusner blieb, seinem bisherigen Betragen getreu, ruhig und
fragte nur: Also bleibt es bei dem Strang? Man gab ihm Auskunft,
dass er darin eine Abänderung erwarten dürfe.
Erbeldinger erklärte: Für meine Kinder werden schon
höhere Personen sorgen!
Tascher blieb stumm und sprach in seinem heimtückischen Ton
nur die Worte: Ich habe die Strafe nicht verdient. Rupprecht
erklärte: Ich bin mein Lebtag ein Spitzbub gewesen; ich muss
doch einmal sterben, und es ist einerlei, ob es früher oder
später. Je länger ich noch gelebt hätte, ein desto
größerer Sünder wäre ich geworden, denn
gebessert würde ich mich nicht haben, wenn ich auch Gnade
erhalte hätte.
Grasmann weinte. Rupprecht tröstete ihn mit den Worten: Wir
sind Spitzbuben, und Spitzbuben dürfen nicht weinen, denn
wir haben die Strafe verdient.
Er bat gleich darauf mit dem Heusner um ein Glas Wein, damit sie
noch einmal miteinander trinken könnten. Man ließ Wein
und Brot kommen. Die Burschen tranken einander zu und wurden
froher Dinge. Sie wurden dann in die für sie zubereiteten
Zimmer gebracht.
Während der letzten drei Tage wurden sie mehrmals von den
Geistlichen besucht. Am sichtbarsten und mit wahrer
Aufrichtigkeit zeigten Heusner und Grasmann Reue über ihre
Verbrechen. Rupprecht hielt sich mehr ans Trinken und Rauchen,
das ihm gegen alle Befehle in zu großem Überfluss aus
der unrichtigen Meinung gereicht wurde, dem Delinquenten
müsse in den letzten drei Tagen des Lebens gegeben werden,
was er verlange.
Erbeldinger blieb still und mit sich selbst beschäftigt. Er
hatte den Glauben, dass er als Untertan, da er nicht gemordet
habe, auch nicht zum Tode verurteilt werden könne.
Tascher blieb auf seinem alten harten Sinne und wollte von
geistlichen Ermahnungen nichts wissen, nur am vorletzten Tage
gelang es den Herrn Geistlichen noch einigen Eindruck bei ihm
hervorzubringen.
Ein weiteres Verbrechen gab keiner der Delinquenten mehr zu.
Erbeldinger und Tascher, die sicherlich noch einiges auf sich
hatten, glaubten sicht- bar immer noch an eine Begnadigung und
fürchteten durch ein weiteres Bekenntnis sich dazu den Weg
abzuschneiden.
Heusner und Grasmann, sodann Rupprecht und ,Erbeldinger
saßen zusammen, Tascher allein. Es geschah, dass erstere
beide, die so wie die übrigen an lange, an dem
Fußboden befestigte Ketten geesselt waren, sich
zufällig in ihre Ketten verwickelt hatten. Heusner machte
seinem Paten hierbei die Bemerkung: Petter, mit Ketten haben wir
angefangen, mit Ketten enden wir.
Am 4. November empfingen die, die der katholischen Religion
zugetan waren, das heilige Abendmahl. Tascher wurde, da er in
seinem Starrsinn durchaus nicht zu bestimmen war, sich als
Sünder zu bekennen, viel weniger aber noch Reue über
seine Verbrechen bezeugte, noch nicht würdig zum Genus
erkannt. Er wurde zuerst am Tage der Hinrichtung dazu zugelassen,
nachdem er den Tag vorher, da er die Aussucht auf Begnadigung
immer mehr schwinden sah, einige gute, reuevolle Empfindungen
hatte blicken lassen.
Erbeldinger wurde während der letzten drei Tage von seinen
Kindern besucht. Die Szenen, die zwischen ihnen und ihrem Vater
vorfielen, ließen sich eher empfinden als
beschreiben.
Am Abend vor der Hinrichtung wurde auch der Frau und den Kindern
des Tascher auf ihre Bitte zu diesem der Zutritt gestattet. Kaum
hatte er aber seine Frau erblickt, fuhr er sie in mürrischem
Tone an: Du hast bisher nicht nach mir gefragt, was willst du
jetzt? Du hättest nun auch wegbleiben können! Nur durch
die ihm gemachte Vorstellung, dass seine Frau nicht
vermögend gewesen sei, ihm während seines Arrestes
etwas an Speise und Trank zuweilen zu bringen (das hatte Tascher
im Sinn) und der Anblick seiner Kinder änderte ihn etwas um.
Für letztere, besonders die beiden jüngeren, zeigte er
viel Zuneigung. Man ließ ihm und seiner Familie Wein und
Essen reichen, was sie miteinander mit Appetit verzehrten, als
wenn sie ein Fest feierten.
Auch Heusners Frau, Grasmanns Tochter und Rupprechts
Beischläferin wurden noch zu solchen gebracht. Erstere nahm
mit Rührung von ihrem Manne Abschied. Grasmann gab seiner
Tochter die dringendsten Ermahnungen, sich gut aufzuführen
und böse Gesellschaften zu meiden, indem er sich selbst als
Beispiel vorstellte, wie weit Laster und Verbrechen führen.
Er bat sie, wenn sie an ihn denke, ein Vaterunser zu beten.
Rupprechts Beischläferin suchte ihre Zusammenkunft dazu zu
benutzen, ihn zu bestimmen, seine gegen sie gemachten Angaben
zurückzunehmen, was ihr jedoch nicht glückte." So weit
der zeitgenössische Bericht über die letzten drei
Tage.
Die Hinrichtung
Samstag. den 5. November Anno 1814. Ein regnerisch-trüber Tag. Auf dem Marktplatz vor dem Rathaus zu Darmstadt ist ein kleines Podium aufgeschlagen. Rundum steht Militär mit aufgepflanzten Bajonetten. Dahinter, Tausende von Neugierigen. Auf dem Podium sitzt das Gericht.

In langen Sterbekleidern, an Händen und Füßen gefesselt. werden die fünf Räuber- von Geistlichen begleitet -durch die Rathaustür ins Freie geführt. Der Chronist berichtete: Taschers Starrsinn hatte sich in völligen Kleinmut umgewandelt. Die Geistlichen redeten ihm zu, zu seiner Stärkung ein Glas Wein zu trinken. Allein er wies mit bebender Stimme alles von sich: Ich kann nicht essen, und ich kann nicht trinken. Heusner erschien, ohne frech oder kleinmütig zu sein, mit gesetzter Standhaftigkeit, die er auch beibehielt, als der tödliche Streich fiel. Rupprecht, der die Nacht durch und den Tag vorher zu viel geistige Getränke genossen hatte, war etwas berauscht, zeigte in diesem Zustand Mut, der aber eher Frechheit war."
Ein Richter verlas den Delinquenten vor der
Öffentlichkeit noch einmal das Urteil. Die Hinrichtung
selbst fand aber nicht auf dem Marktplatz statt. Zwar hatte man
früher schon auf dem Marktplatz Hexen verbrannt. aber
später war es üblich geworden. derartige
Gerichtsstätten an die Grenze der Gemarkung zu legen, um
damit einmal dem Nachbarn die Gerichtshoheit zu zeigen. zum
anderen aber auch, um die verscharrten Leichen möglichtst
weit von den Häusern entfernt zu wissen.
So sieht man heute noch die z.B. noch die Reste des
"Pfungstädter Galgens" an der Gemarkungsgrenze nach
Eberstadt zu. Die Eberstädter hatten ihren Galgen an der
Grenze zur damaligen selbständigen Gemeinde Bessungen. Noch
am Anfang des 18. Jahrhunderts stand er auf der Flur
"Galgen-Acker" in der Nähe des Haselberges im Winkel der
heutigen Straßen "Steinern Kreuz". "Am Kirschenhang" und
"Auf der Marienhöhe". Die Arheilger hatten keinen festen
Galgen. In Ihrer Gerichtsordnung aus dem Jahre 1561 war nur
festgelegt. wer bei der Errichtung des Galgens zu helfen
hatte.
Die Hinrichtungsstätte für die fünf Räuber
befand sich an der Grenze nach Bessungen. Die Hinrichtung fand
dort statt, wo heute im Wolfskehl'schen Park auf der Anhöhe
der Pavillon steht.
Angekettet auf einem von zwei Pferden gezogenen Leiterwagen,
eskortiert von Hunderten von Soldaten und gefolgt von einer
"unzähligen Menge Menschen" (darunter auch Taschers Frau mit
den Kindern). setzte sich der Zug in Bewegung. Vom Marktplatz aus
ging es in die Kirchgasse, die heutige Kirchstrasse. Von der
nahen Stadtkirche läutete das Armesünderglöckchen.
Dort, wo heute die Schulstraße auf die Kirchstraße
stößt stand das "Bessunger Tor ", ein Teil der alten
Stadtbefestigung. Jenseits des Tores war freies Feld. Nur
vereinzelt standen Häuser dort. Der Zug führte durch
das Bessunger Tor auf den Bessunger Weg, die heutige
Karlstraße entlang zur Richtstätte. Dort hatte man ein
hohes Gerüst erbaut, dass von zwei Treppen aus
zugänglich war. Um das "Blutgerüst" stand ein Karree
von Soldaten, dahinter die Zuschauer.
Als Scharfrichter fungierte wieder jener Herr Hofmann aus
Frankfurt, der schon ein halbes Jahr zuvor im Eberstädter
Wald den Branntweinbrenner Neußel mit einem Schwerthieb vom
Leben in den Tod befördert hatte.
Die Hinrichtung ging schnell. "Sie war in nicht vollen
siebzehn Minuten vollzogen': Zuerst kam Tascher an die Reihe. "Er
bestieg halb leblos das Schafott. Seine Frau war gegen sein
Schicksal so unempfindlich. dass sie die Unverschämtheit
hatte. auf den Richtplatz zu ziehen und mit ihren Kindern der
Hinrichtung zuzusehen." Als Taschers Kopf fiel. war Heusner noch
nicht einmal vom Wagen abgestiegen. "Als er den Kopf fallen sah.
wandte er das Gesicht weg." Dann wurde Erbeldinger
geköpft.
"Als Rupprecht auf das Gerüst geholt wurde. bemerkte Heusner
zu Grasmann: 'Petter, jetzt kommt ihr! Als die Gehilfen des
Scharfrichters Grasmann packten, gab Heusner ihm noch einmal die
Hand zur Versöhnung. küsste ihn und sprach: 'Ich komme
euch gleich nach' .
Seinem Seelsorger, Herrn Kirchenrat Haßlacher, dankte er
noch für seine Mühe und alles, was er an ihm getan habe
mit dem Zusatz: 'Komme ich zu Gott, so werde ich vor dessen Thron
für Sie beten.' Während er das Schafott bestieg,
überreichte er dem neben ihm stehenden Geistlichen sein
Taschentuch mit der Bitte, es seiner Frau nebst seinem Kruzifix
nach seinem Tode zu geben und ihr zu sagen, dass jenes seine
letzten Tränen enthalte, dass sie das Kruzifix, so lange sie
lebe, aufbewahren und vor demselben für ihn beten
solle.
So fielen die Köpfe dieser fünf Hauptverbrecher."
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